Public History Projekt: „Deutsche in Gefangenschaft“. Die erinnerte Geschichte der repressierten Deutschen in der Region Perm in den 1940/50er Jahren


vorgelegt von: Robert Latypov, russischer Historiker, Bürgeraktivist, ehemaliger Leiter der Permer Zweigstelle der Organisation "Memorial".

Projektbeschreibung: Die Region Perm liegt im Zentrum Russlands. Im 20. Jahrhundert nutzte der sowjetische Staat dieses Gebiet aktiv zur Einrichtung von Arbeitsbesserungslagern und Ort der Zwangsarbeit Repressierter nach verschiedenen Kategorien und Nationalitäten. Unter letzteren sind Personen deutscher Nationalität besonders hervorzuheben. Dazu gehören vor allem ethnische oder ehemals so genannte „Sowjetdeutsche“. Sie wurden zunächst im August/September 1941 massenhaft aus der Republik der Wolgadeutschen deportiert und dann in Form von "Arbeitsbataillonen“ auf Industrieanlagen und Betriebe verteilt und zur Zwangsarbeit eingesetzt. In der Region Perm waren in den 1940er- und 1950er-Jahren mindestens 80-90.000 Personen Deportierte betroffen, die hauptsächlich in der Holz- und Kohleindustrie arbeiten mussten. Eine weitere Kategorie waren deutsche Kriegsgefangene und internierte Bürger, die in den Gulag-Lagern in einer Vielzahl regionaler Wirtschaftszweige der Kriegs- und Nachkriegszeit aktiv eingesetzt wurden. Groben Schätzungen zufolge kamen mindestens 15.000 Deutsche dieser Kategorie in die Region Perm. Darüber hinaus durchlief ein weiteres „Sonderkontingent“ von Sowjetbürgern das Gulag-System: ehemalige Ostarbeiter und sowjetische Kriegsgefangene. Ihre Zahl ist bis heute ungeklärt.

In der zweiten Hälfte der 1950er Jahre wurde allen Überlebenden relative Freiheit gewährt. So wurden die Ostarbeiter aus dem Sonderregister des Innenministeriums gestrichen und durften ausreisen, und die Kriegsgefangenen konnten nach und nach in ihre Heimat zurückfahren. Doch dieser gesamte Zeitraum der Repressionsgeschichte und die Erinnerung daran wurden von der sowjetischen Führung und den Sicherheitsorganen sorgfältig verborgen und tabuisiert: Es war verboten, darüber zu sprechen, zu schreiben oder zu diskutieren. Bis in die späten 1980er und frühen 1990er Jahre waren der Aufenthalt der Deutschen in der UdSSR und ihre Ausbeutung als Arbeitskräfte in der Erinnerungskultur praktisch tabu. Auch danach war das Sammeln von Informationen und die akademische Forschung zu diesem Thema in der russischen Gesellschaft offensichtlich nicht willkommen - die sowjetische Mentalität und die offizielle Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg als Vaterländischen Krieg waren noch immer präsent. So wurden diese schwierige Vergangenheit viele Jahre lang künstlich vor der akademischen und öffentlichen Reflexion verborgen.

Einige Schritte zur Untersuchung und Überwindung der Widersprüche in der Erinnerungspolitik der deutsch-russischen Beziehungen des zwanzigsten Jahrhunderts wurden dennoch unternommen. Wenn wir über die Permer Regionalgeschichte sprechen, können wir die russischsprachigen wissenschaftlichen Studien von Vladimir Motrevich, Andrey Suslov and Sergey Shevyrin erwähnen. Ihre Arbeiten basierten auf öffentlichen historischen Dokumenten aus den Staatsarchiven. In den 2000er und 2010er Jahren wurden die Bildungsprojekte der Permer "Memorial"-Organisation wichtig, indem sie die Oral History Interviews mit überlebenden Zeitzeugen führte, sammelte und deutsch-russische russisch-deutsche Sommerschulen für Jugendliche an den Gulag-Stätten in der Region organisierte, Denkmale zur Erinnerung an die Repressierten aufstellte und Presseveröffentlichungen vornahm. Bisher wurde nur ein sehr kleiner Teil der Dokumentation und wenn, dann nur in russischer Sprache veröffentlicht. Hunderte Zeitzeugeninterviews blieben jedoch unbearbeitet und wurde noch vor Auflösung der Permer Zweigestelle der Organisation Memorial an das Archiv der Forschungsstelle Osteuropa übergeben.  Dazu gehören in erster Linie bisher nicht transkribierte Audio-Interviews mit ehemaligen deutschen Zwangsarbeitern und anderen Zeitzeugen (mindestens 70 Interviews), eine Sammlung gescannter und wenig bekannter Dokumente aus russischen Staatsarchiven sowie Dokumentationsmaterialien zu von Memorial durchgeführten Sommerschulen, die als Quellengrundlage für das vorliegende Public History Projekt dienen.

Ziel des Projekts ist die Aufbereitung und Analyse ausgewählter Oral History Interviews mit repressierten Deutschen in der Region Perm in den 1940er-1950er Jahren und ihre wissenschaftliche Einordnung im Rahmen der Forschung zur Erinnerungskultur und -konflikten im postsowjetischen Russland. Die Materialien sollen in deutscher und russischer Sprache auf der Webseite des Permer Memorial veröffentlicht werden. Mit der Durchführung des Projekts wird eine neue Quellengrundlage geschaffen, die es Wissenschaftler*innen in Zeiten kaum zugänglicher Archive ermöglichen wird, ihre Forschungen mit neuen Materialien zur Regionalgeschichte zu ergänzen.

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